Schreibkick: Nebelschwaden

Nebelschwaden

Nebelschwaden zogen über das Land, hüllten alles ein, in das milchige Nichts. In das undurchschaubare Nichts. So als ob nichts da wäre, und doch wie eine Wand. Eine undurchdringbare Wand. Weich wie Watte, hart wie Stahl. Unbeschreibbar. Unerklärlich. Hineinfahren in das Nichts, kaum sichtbare Fahrbahn, ganz langsam nur fahren.

 

Lieber wäre sie daheim geblieben, im wohligen Ambiente, aber die Fahrt war unaufschiebbar.

 

Also fuhr sie, die Sicht wurde immer schlechter, erst sah sie noch einige Meter weit, dann war eine undurchdringliche Nebelwand. Ganz, ganz langsam fuhr sie dahin, tastete sich förmlich vorwärts. Plötzlich – es war wie ein Erwachen – fühlte sie sich wie in einem Wagen, gezogen von Pferden, sie nahm das Geklapper der Hufe auf dem Boden und das Schnauben der Pferde wahr.

Sie wußte, daß sie den ganzen Sommer über unterwegs waren, genauer gesagt, vom Frühling bis in den Spätherbst. Alles, was sie brauchten, führten sie mit sich. Die Menschen in den Orten, in denen sie hielten, warteten schon auf sie. Ihre Dienste als Messer- und Scherenschleifer, Pfannen- und Kesselflicker, Korbflechter und noch so einigem mehr, waren hoch angesehen. Sie konnten so gut wie alles reparieren.

Weiters führten sie ein buntes Sortiment an Waren bei sich,  da war für jeden etwas dabei. Die Fahrenden arbeiteten den ganzen Winter an ihren Kunstwerken. Handarbeiten und Schmückendes und Haushaltswaren.

Die Kunden hatten viel Freude an den erstandenen Schätzen.

Nach einem vereinbarten Zeichen kamen alle gespannt zusammen. Neugierig darauf, was sie diesmal zu sehen bekämen. Und die Vorfreude zahlte sich wahrlich aus. Von Karten- und Zaubertricks, Messerwerfen, Feuerschlucken und Spucken, und der Aufführung von Theaterstücken war alles dabei, was das Herz begehrte. Das und noch vieles mehr.

Der tosende und immer wieder aufbrausende Applaus ist das Brot und der Lohn der Künstler. Sowie das, was die Zuseher in den Hut, der die Runde ging, gaben. Die bereitgestellten Körbe wurden mit Lebensmitteln gefüllt. Jeder gab, was er erübrigen konnte. Geld und Naturalien, beides war sehr wichtig.

Danach saßen sie noch lange am Lagerfeuer und erzählten, uralte Geschichten machten die Runde.

Je nach Wetter schliefen sie im Freien, oder in den Scheunen hilfsbereiter Menschen.

Es war ein freies Leben, mal hier, mal da. Überall wurden sie schon erwartet, jedes Jahr eilte ihnen der Ruf „Die Fahrenden kommen endlich!“ voraus.

Der Nebel lichtete sich, es war, als wäre nie eine Nebelwand da gewesen.

Erleichtert fuhr sie weiter ihres Weges, sinnend, ob es ein Traum war oder vielleicht doch eine Erinnerung …

© Eva Schnepf – Lebinger 2017

 

Mein Beitrag zum Schreibkick – Projekt von Sabrina Fessler.

 

Weitere Schreiberinnen:

Rina

Sabrina

Veronika

 

Das Thema für den 1.12.2017 lautet: Stille Straßen

Das Thema für die Weihnachts Geschichte am 24.12.2017 lautet: Unter dem Weihnachtsbaum

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8 Gedanken zu “Schreibkick: Nebelschwaden

  1. Hallo Eva,

    ein schöner, irgendwie gemütlicher Text. Es braucht so wenig zum Leben und um zufrieden zu sein … eine Aufgabe, Geselligkeit und hin und wieder eine kleine Bestätigung, dass man seine Sache gut macht. ❤

  2. Manchmal ersehnt man sich wirklich ein einfaches Leben – wenn man mal ausmistet und sich ärgert, soviel angeschafft zu haben – merkt man es am ehesten. Und wer würde nicht gerne frei durch die Gegend reisen und freudig erwartet werden – das ist ein schöner Traum in die Erinnerung.Liebe Grüsse

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