Geschichten aus dem täglichen Leben – zu wahr, um erfunden zu sein 2

Geschichten aus dem täglichen Leben – zu wahr, um erfunden zu sein 2

Kürzlich war sie auf der Lesung eines ihrer Lieblingsautoren. Er versteht es, immer besser, die Spannung bis zum, oft überraschenden, Ende zu halten. Das Buch hatte sie schon lange, es ist das 9. in dieser Reihe. Schon im Sommer war sie bei der 1. Lesung aus diesem Buch in der Hauptstadt. Nun war es so weit, er las in ihrer Stadt, wozu er sie schon im Sommer eingeladen hatte.

Der Raum, in dem das spannende und amüsante Ereignis stattfand, ist wunderschön. Die Decke besteht aus einem alten, wunderschönen Ziegelgewölbe. Es ist so richtig heimelig. Wenn, ja, wenn es nicht so laut von nebenan wäre. Das ist sehr störend, lautes Lachen, sodaß manche Pointe darin untergeht. So schade. Außerdem, dauernd das Öffnen der Tür, laut knarrend und noch lauter ins Schloß fallend. Gekrönt vom Auftreten des Kellners, das nicht wirklich diskret ist, und dem mitunter was runterfällt. Das mindert den Hörgenuß beträchtlich. Weiters der Rauch, der vom Nebenraum riechbar durch den Türspalt reinzieht, sowie natürlich bei jedem Öffnen und Schließen der Tür. So riecht sie danach wie ein Aschenbecher. Da hilft auch der von der Besitzerin erwähnte eigene Eingang in den NichtraucherRaum nicht.

Begrüßt wird mit fadenscheiniger Freundlichkeit verpackt in Chanel-Optik. Eine andere Frau besticht mit ihrem Reiter-Outfit.

Das Publikum ist gemischt, die meisten sind älter.

Schön ist es zu betrachten, wie manche gebannt lauschen, und sich über jede noch so kleine Pointe erfreuen und die immer neuen Einfälle des Autors bestaunen.

Eine kurze „Bestandsaufnahme“ des Publikums, direkt vor Ort unmittelbar aufgeschrieben:

mitgerissen

scheinbar teilnahmslos

neutral

dem Essen zugewandt

trinkend

Da sie das Buch schon kannte, waren immer wieder Erinnerungen und Ahas vorhanden. Dadurch ist sie dann wieder voll im Buch und freut sich schon, es wieder zu lesen.

Danach überrascht sie den Autor mit den Worten: „Heute ist Premiere“ – sie bittet um eine zweite Signatur in dieses Buch, die er gerne gewährt.

Das nächste Buch der Reihe gibt es hoffentlich im Sommer, sie freut sich schon darauf.

 

© Eva Schnepf – Lebinger 2016

 

 

 

Geschichten aus dem täglichen Leben – zu wahr, um erfunden zu sein 1

 

Auf der Fahrt zur besten BioBrotBäckerin kam sie durch viele kleine Orte. Bewußt fuhr sie auf der Landstraße, die Autobahn – die diesen Namen nicht verdiente – war sehr schmal und gefährlich, dem wollte sie sich nicht aussetzen.

Genüßlich die schöne Landschaft rings herum betrachtend, fuhr sie beschaulich dahin. Das gefiel so einigen Straßenkameraden nicht so gut, aber das kümmerte sie nicht.

Heute waren viele Barrieren, ein Wagen für Kanalarbeiten, der mitten auf der Straße stand, Traktoren, Lastwägen und Fahrzeuge, die für die Sicherheit und Sauberkeit sorgten. Ah ja, Sträucher schneiden und sonstiges war auch am Programm.

In einem Dörfchen stand plötzlich ein Polizist mitten auf der Straße. Das war komisch. Sie fuhr langsam, also daran konnte es nicht liegen. Er kam immer näher und dann sah sie endlich den Grund. Ein Leichenzug wollte die Kreuzung überqueren und dann die Straße entlang gehen.

Es war wie in einem österreichischen Film.

Vorne der Kreuzträger, dann anschließend Pfarrer, Ministranten, der Sarg und die Trauergäste. Es wurde nichts ausgelassen, vom hageren bis zum dicken Pfarrer, ja, es waren mehrere, über die sehr gemischte Trauergemeinde bis zum volllippigen dunkelhäutigen, sehr feschen Ministranten war alles vorhanden. Wie es den wohl hierher verschlagen hatte? Auf jeden Fall schien er gut integriert zu sein.

Was heißt das, es war alles vorhanden, es war doch nicht inszeniert, es war das wahre Leben.

Sehr langsam und pietätvoll zog der Zug vorüber. Sie versuchte ihrem Gesicht einen ebensolchen Ausdruck zu verleihen, was nicht leicht war. Jeder schaute zu ihr herein. War das ein Wettbewerb? Manche hatten ein Schmunzeln im Gesicht. Lange hätte sie es nicht mehr ausgehalten, dieses ernste Schauen angesichts des sich bietenden Anblicks, dann hätte sie losgeprustet. Vor allem, als ihr die anstehende Schreibkick-Geschichte einfiel. Diese war aus den Wörtern „Lila Locken, karierte Socken und “ zu fertigen. Im Augenblick war die Idee da, daß die Tote im Sarg ganz sicher lila Locken hatte. Und wer hatte wohl die karierten Socken unter der feierlichen Kleidung – der Pfarrer oder doch eher ein Ministrant? Glücklicherweise waren sie dann schon vorbei, sonst hätte sie wohl einige nicht so wohlmeinende Blicke geerntet.

Der Polizist nickte ihr zu und ganz langsam fuhr sie an, um das Begräbnis nicht zu stören, und begab sich weiter ihres Weges.

 

© Eva Schnepf – Lebinger 2016

 

Ein idyllisches Städtchen 2

 

Es begab sich vor langer Zeit.

Ein beschauliches Städtchen, idyllisch zwischen 2 Flüssen in einem Talkessel liegend.

Hier ging ein junges zartes Mädchen seiner erlernten Tätigkeit nach, sie wirkte in einem Büro, und machte ihre Arbeit gut.

Sie machte ihre Arbeit so gut, daß es sich herumgesprochen hatte. Die Besitzerin einer Firma sprach die Mutter des Mädchens an, ob diese wohl die Stelle wechseln würde? Sie bräuchte dringend eine Kraft für das Büro.

Ehrlich gesagt, fühlte sich das Mädchen schon gebauchpinselt dadurch, und sagte zu.  Es kam noch hinzu, daß sie in der Firma schon 1 Jahr unglücklich war.

Als sie direkt nach der Handelsschule hier zu arbeiten begann, war alles ganz normal und ruhig. Nach einer Firmenfeier saßen der Juniorchef und sie noch lange zusammen und verliebten sich ineinander. Fast jeden Abend verbrachten sie miteinander. Immer wieder sagte er, daß sie heiraten würden. Seine Eltern sollten – noch – nichts davon wissen …

Wie konnte es sein, daß sie nichts wußten, wo sie doch immer wieder erwähnten, wie viele Fehler die Jungen machten und wie viel sie vergaßen und wie komisch sie wären.

Heimlich machten sie Rauchpausen im Heizraum, wenn Kunden kamen, legten sie die Zigaretten in den Ofen.

Der Hund mochte das Mädchen sehr, manchmal lief er zu ihr nach Hause, als sie in der Firma war, und machte selbst die Haustür auf, worüber die Mutter des Mädchens sehr erschrak.

Und eines Tages brachte er sie nach der Arbeit nach Hause, und bevor sie ausstieg, sagte er, daß es aus wäre. Der Vater eines anderen Mädchens hatte gebeten, daß er mit seiner Tochter ausgeht, da sie sich das so wünschte. Ja, und so wurde scheinbar mehr daraus. Er erzählte immer wieder was, auch, daß der Vater Geld dafür geboten hatte.

Unser Mädchen litt sehr, sah sie ja alles aus der Nähe. Erniedrigenderweise mußte sie einmal sein Auto innen reinigen, und dabei lagen etliche Kosmetikartikel von ihrer Nachfolgerin auf dem Boden.

Wie gesagt, da kam es gerade recht, daß sie abgeworben wurde.

Als sie kündigte, war es sehr wohltuend für sie, zu sehen, wie überraschend das für die Chefs kam und wie sie erblaßten.

Na ja, als sie immer fragten, warum sie weinte, zeigten sie weniger Emotion.

Bisher hatte sie arbeitsmäßig eine eher ruhige Kugel geschoben. Sie dachte, es würde so weitergehen. Doch sie kam vom Regen in die Traufe.

In der neuen Firma wurde vom 1. Tag an voller Einsatz verlangt. Plötzlich sollte sie zum Beispiel perfekt stenografieren. Sie hatte Stenografie zwar immer geliebt, sogar ihre Tagebücher so verfaßt, doch nun fehlte ihr die Routine. Schön langsam kam sie wieder rein.

Auch hier gab es einen Hund. Als er überfahren wurde, wurde er am Rand des Firmengeländes begraben.

Wenn sie gefragt wurde, welche Arbeiten sie zu verrichten hatte, sagte sie, sie sei Mädchen für alles, nur den Hund habe sie nicht begraben müssen.

Mit dem Telex arbeitete sie sehr gerne. Das war ein großes Gerät mit einer Wählscheibe und einem Lochstreifen, mit dem man Nachrichten übermitteln konnte.

Der Chef sagte immer, wenn man auf seine Fragen mit „ich glaube“ antwortete : „Glauben heißt nichts wissen, also wissen Sie es oder nicht?“

Manchmal borgte sie ihrem Chef das Auto zum Zigarettenholen, wenn die Chefin seinen Schlüssel versteckt hatte.

Damals rauchte das Mädchen noch. Die Chefin meinte öfter, wenn sie aufhöre, bekäme sie 100 Schilling mehr im Monat. Als sie dann, durch eine starke Verkühlung, aufhörte, war keine Rede mehr davon.

Der Chef war ein guter Mensch. Als sie ihm zum Geburtstag gratulierte, schickte er sie nach vorne ins Wohnhaus zur Oma um ein Achtel Wein, das solle sie auf ihn trinken.

Er hatte alle Geschäftsabläufe im Kopf. Wenn eine Frage auftauchte, wußte er sofort die Antwort.

Als er überraschend auf einer Dienstreise in einer Stadt in den Bergen starb, war danach öfter die Situation, daß sie ihn etwas fragen wollte, schon zum Telefonhörer griff, und dann fiel ihr ein, daß das nicht mehr geht.

Sie verließ dann die Firma, um eine Familie zu gründen und zog weg.

Jahre danach bekam sie einen Brief, sie mußte vor Gericht, wegen eines Geschäftsvorganges. Es ging um die Transportkosten.

Mit ihrem Kind im Kinderwagerl fuhr sie bei Gericht vor.

Die Richterin war sehr menschlich, sie sagte „Sie können sich nach dieser langen Zeit sicher nicht mehr erinnern“ damit war der Fall erledigt.

 

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

 

© Eva Schnepf – Lebinger 2016

 

Ein idyllisches Städtchen 1

Es begab sich vor langer Zeit.

Ein beschauliches Städtchen, idyllisch zwischen 2 Flüssen in einem Talkessel liegend.

Hier ging ein junges zartes Mädchen seiner erlernten Tätigkeit nach, sie wirkte in einem Büro, und machte ihre Arbeit gut.

Doch, wie es immer zu sein scheint, es gefiel dem bösen Nachbarn, in diesem Fall ihrer Chefin, nicht.

Warum es so war, werden wir wohl nie erfahren. Doch diese ältere Frau tat alles, um die Arbeitsbedingungen möglichst schlecht zu machen.

Oft war es eiskalt in dem Kabäuschen, das halbherzig in eine Erzeugungshalle eingefügt war. Da dauerte es stundenlang, bis die Finger halbwegs warm wurden.

Außerdem war es ihr ein Anliegen, dafür zu sorgen daß das Arbeitsklima, zwischen den Kollegen, möglichst kalt war.

Alle sollten per Sie sein. Es ging ja gar nicht, sich mit Arbeitern auf die gleiche Stufe zu stellen.

Das alles belastete unser Mädchen sehr.

Dann trat ein junger Mann in ihr Leben, der es ernst mit ihr meinte. Er rief sie immer vor Arbeitsbeginn an, es gab ja noch kein Handy. Als die Chefin das merkte, schimpfte sie sehr und verbot die Anrufe, obwohl sie außer der Arbeitszeit lagen.

Manchmal fuhr das Mädchen am Freitag nach Vindobona, um mit ihrem Freund ins Theater zu gehen. Da war es wichtig, rechtzeitig abzufahren. Die Chefin vereitelte das mitunter, indem sie einfach auswärts Belangloses tat, sodaß das Mädchen nicht weggehen konnte.

Als sich wieder einmal so eine schreckliche Situation ereignete, und das Mädchen weinend an seinem Arbeitsplatz saß, und nicht ein und aus wußte, kam der Sohn der Chefin, von allen als Nichtsnutz bezeichnet – und zeigte Herz. Er redete ihr zu und brachte ihr Kaffee.

Das hat sie ihm nie vergessen.

Irgendwann fand diese ganze Misere in körperlichen Beschwerden ihren Niederschlag. Als sie zum Arzt C ging, alles schilderte, tränenüberströmt vor ihm saß, meinte dieser nur, „aber die Frau A doch nicht, die ist doch so nett und freundlich, das glaube ich nicht „

Dadurch besserten sich die Beschwerden nicht, also ging sie zu einem anderen Arzt B, dieser sah mit einem Blick, daß die Beschwerden nicht organisch waren. Er gab ihr ein Medikament, das helfen sollte. Wie gesagt, es ist sehr lange her, so nahm sie das Medikament Insidon ein.

Die Zeit ging dahin.

Sie heiratete den jungen Mann, verließ das Städtchen, und zog nach Vindobona. Als sich der heiß erwünschte Nachwuchs ankündigte, wurde dieses Medikament in den MutterKindPaß eingetragen.

Viele Jahre gingen ins Land.

Irgendwann sah sie einen Film, darin kam das Medikament Insidon vor. Nun forschte sie nach, fragte auch persönlich in der Apotheke. Zuerst erhielt sie allgemeine Informationen, dann „Stimmungsaufheller“ und „Antidepressiva“.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

 

© Eva Schnepf – Lebinger 2016

 

 

 

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Schreibkick: Höhe

Höhe

Urlaub am Keutschacher See

Unendliche Freiheit am klaren Wasser

Beim Wandern im Wald bergauf und bergab

Genuß in der Lieblingspizzeria in Klagenfurt

Aufstieg zum PyramidenKogel und Ausblick ins weite Land – unglaublich schön

Bei Regen im Reptilienzoo – diese Idee hatten viele, kein eigener Schritt möglich, nur Geschiebe

Minimundus – die kleine Stadt am Wörthersee

Abends über kurvige, steile Wege hinauf ins Privat Quartier, mit etwas FamilienAnschluß, sozusagen

Höfliche Gespräche, Gelegenheits- und VerlegenheitsGespräche

Im Nachhinein schaut alles anders aus, werden einem die Augen geöffnet, wird die Idylle demaskiert

Die Kinder werden im Wald geschlagen, damit es keiner merkt. Wahrscheinlich weiß es eh jeder, nur die Gäste nicht

Dem von den Eltern wohlbehüteten UrlauberKind wird von den Quartiergebern gedroht, in den Keller gesperrt zu werden, wenn es Fremdes nicht ißt

Kurz zusammengefaßt: Urlaub bei Freunden.

Erst Jahre später erfahren die Eltern, daß das Kind von seinem Opa einen Brief an das Quartiergeberkind schreiben ließ: „Bitte Manfred, sei nicht schlimm!“ –

um zu vermeiden, daß der kleine Manfred wieder geschlagen wird …

Als kleiner, respektierter Bub eine Ahnung bekommen, wie es draußen in der Welt zugeht.

HÖHE

 

© Eva Schnepf – Lebinger 2016

 

Mein Beitrag zum Schreibkick – Projekt von Sabrina Fessler.

Weitere Schreiberinnen:

Alice

Anita

Conny

Katharina

Nicole

Sabrina

Veronika

 

Das Thema für den 1.12.2016 lautet: „Lila Locken, karierte Socken, schneeweiße Flocken“