Schreibkick:  Wasserfall

 

Wasserfall

Von weitem hörte sie schon das Brausen und Tosen. Es war ein beruhigendes, einlullendes Geräusch. Je näher sie kam, desto lauter und tobender wurde es.

Jetzt stand sie wieder am Wasserfall, genoß das Plätschern des niederstürzenden Wassers, das Tosen, das Aufklatschen, wenn es unten ankam.

Wieder und wieder ging sie so nahe heran, wie es nur möglich war und erlaubte sich, sich voll darauf einzulassen, die Kraft des Wassers zu spüren, zu fühlen, zu riechen …

Den feuchten Hauch, den nassen Nebel an sich heranzulassen …

Wieder zu erleben, sich zu erinnern …

… als sie damals mit ihm hier stand und einfach das Naturschauspiel mit allen Fasern genoß …

… und sie sich nach heftigen Umarmungen und Küssen, als ob sie sich aneinander satt trinken wollten, hinter den Wasserfall begaben. Hier war ein Plätzchen, gerade groß genug für zwei Liebende, für ein liebendes Paar, das sich der Leidenschaft hingab.

Endlich waren sie allein, konnten sich nahe sein, sich halten, sich spüren, an- und ineinander gleiten, eins werden.

An diesem Platz waren sie in einer anderen Welt, schier in einer anderen Dimension, durch die ständige Geräuschkulisse war das Erleben viel intensiver, die Wahrnehmung ausgeprägter.

Es war, als ob sie nicht mehr auf der Erde weilten, sondern auf einem anderen Stern. Auf einem Stern, auf dem es nur Nähe, Liebe, Leidenschaft und Hingabe gab.

Die Erinnerung hatte sie überfallen, überwältigt, sich über sie gestülpt, sie war gefangen, gefesselt von den Gedanken und Gefühlen an diese Zeit.

An diese Zeit, die lange währte, in der jeder Blick, jede Berührung eine Offenbarung war, eine Ahnung, ein Versprechen.

Beseligt von der Erinnerung gab sie sich ganz dem Wiedererleben hin und genoß.

 

Nach geraumer Zeit fiel ihr ein, daß es nach vielen Besuchen hier an diesem, an ihrem Ort anders wurde.

Alles, was schön, beglückend und erfüllend war, wurde mühsam und anstrengend.

Die Lust wurde lustlos, verlor sich im Nirgendwo. Diese Lust, diese seligmachende Lust, die so erfüllend war, die sie an die Grenzen ihres Seins, ihrer Wahrnehmung brachte, diese Lust verlor sich, über lange Zeit unmerkbar und irgendwann war sie weg.

Wie ein Wasserfall, das Wasser stürzt herab, klatscht auf, fließt weiter und verliert sich …

© Eva Schnepf – Lebinger 2016

Weitere Schreiberinnen:

Sabrina

Veronika

Conny

Mein Beitrag zum Schreibkick – Projekt von Sabrina Fessler.

Das Thema für den 1.8.2016 lautet: Sommerflirren