Reizwort-Geschichte: Erinnerung an die Schulzeit

Erinnerung an die Schulzeit

Früher, als die Hausfrauen noch Schürzen trugen, hatten sie immer kleine Schätze in den Schürzentaschen.

Auch die kleinen Köchinnen in der Schule hatten ihr Maskottchen mit. Glück brauchten sie unbedingt, bei dem, was da herauskam. Schon das Zubereiten war eher mühsam, noch schlimmer war das Verzehren der gekochten Speisen.

Man denkt, solche Zumutungen sind im verschwinden. Wie man hört, ist dem nicht so. Es muß weiter zubereitet und gegessen werden. Es sollte doch jeder entscheiden können, ob er das Gekochte zu sich nimmt. Die Zubereitung lernen ist eines, das Essen das andere.

Der Gedanke an die Schulküche verursacht mulmige Gefühle im Bauchraum. Auch der Halsbereich ist davon betroffen.

Einige Stiegen hinunter, dann durch die Glastür hinein und nochmals hinunter. In einem Nebengebäude der Schule ist die Schulküche untergebracht. Die Erinnerungen daran sind unangenehm. Es fühlte sich wie ein Gefängnis an.

Die Mädchen machten das Beste daraus. Machten ihre Späße und freuten sich auf die Zeit nach dem Koch-Unterricht.

Zettelchen mit wichtigen Mitteilungen wanderten hin und her und verhießen einen Lichtblick. Auf einem der Papierblättchen befand sich eine ganz wichtige Botschaft. Gleich nach dem Unterricht wollten sie sich mit den Burschen treffen, spazieren gehen und sich unterhalten. Das waren schöne Ausblicke, sie freuten sich schon sehr darauf.

Leider fing die Kochlehrerin den Zettel ab. Und regte sich furchtbar über den Inhalt auf.

In ihrer Vorfreude hatten die Schülerinnen völlig vergessen, daß zu diesem Zeitpunkt das Begräbnis des verstorbenen Direktors stattfinden sollte. Er war beliebt gewesen und natürlich gaben sie ihm gern die letzte Ehre.

Die Lehrerin ging davon aus, daß die Mädchen nicht zum Begräbnis gehen wollten und sich statt dessen mit den Burschen vergnügen wollten. Alle Einwände und Richtigstellungen prallten bei ihr ab. Sie hatte ihre Meinung, und alles andere wollte sie nicht hören.

Strafweise wurden sie zum Besuch des Begräbnisses verdonnert – sie wären sowieso und auch gern hingegangen.

Danach trafen sie sich mit den Burschen, die auch schon am Begräbnis waren.

Das Grüppchen junger Menschen spazierte sich unterhaltend den Fluß entlang.

Bald erreichten sie ihr Ziel: Die Grasel-Höhle. Der Räuber Grasel hatte hier mit seinen Kumpanen gehaust.

Sie verkrochen sich in der Höhle, wie der Maulwurf mit seinem schönen, samtigen Fell in seinem Bau.

Räubergeschichten wurden erzählt, „Im Wald, da sind die Räuber, halli hallo die Räuber“ wurde gesungen. Beim Heimgehen war es schon dämmrig. Sorgfältig wurden die Schritte gesetzt, um nicht zu stolpern.

Am nächsten Tag mußten sie sich noch einiges anhören, das ließen sie über sich ergehen, sie wußten ja, daß sie weiterhin gemeinsam ihre schöne Heimat erkunden würden.

 

© Eva Schnepf  – Lebinger 2015

 

Reizwörter: Maulwurf – Schürzentasche – verschwinden – mulmig – sorgfältig 

 

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Reizwort-Geschichte: Die reiche Welt

Die reiche Welt

Besitzen kann man nur, was man sich erworben hat. Erarbeitet, erlernt – am besten mit Freude erlernt.

Menschen sehen es mitunter anders, sie häufen Besitz an, mit Mühen und Plagen und Jammern und Krankheiten verbunden.

Dann haben sie endlich das Langersehnte, Harterarbeitete – und können es nicht genießen.

Die Verzweiflung überkommt sie, manche kriegen noch die Kurve, geben Besitz ab – und leben mit weniger besser.

Viele haben viel mehr, als sie brauchen. Von Armut kann da keine Rede sein.

Ganz im Gegenteil. Es ist ratsam, abzugeben, denen, die weniger haben.

Durch die Straßen spazierend, ist zu sehen, wie die Häuser und die Autos immer größer werden.

Natürlich muß mehrmals im Jahr Urlaub gemacht werden, am besten weit weg. Scheinbar kann man sich nur am anderen Ende der Welt erholen. Wenn sie dann zurück sind, und ihre Urlaubsfotos betrachtet werden, werden auch Geschichten erzählt. Da bekommt man  einiges zu hören. Am schönsten sind die Erzählungen über schöne Erlebnisse, erfreuliche Ausflüge und bereichernde Erfahrungen.

Das muß erst einmal verdient werden.

Verdient. Jeder Mensch verdient einen Platz, an dem er er selbst sein kann.

Immer mehr Menschen werfen Ballast ab, besinnen sich auf das Eigentliche und erfreuen sich an der Schönheit in der Nähe.

Schon Johann Wolfgang von Goethe sprach es in einem Vierzeiler an, hier leicht abgewandelt: „Warum in die Ferne schweifen – sieh, das Schöne liegt so nah“

Vieles passiert, was nicht gut für die Erde und ihre Bewohner ist.

Es hat keinen Sinn, sich darüber zu ärgern, jeder ist für seine Entscheidungen verantwortlich.

Besser ist es, die Blumen auf ihrem Platz zu belassen, als sie in der Vase verwelken zu lassen.

Die Welt ist so reich, es ist genug für alle da.

© Eva Schnepf  – Lebinger 2015

 

Reizwörter: Armut – Verzweiflung – ärgern – besitzen – verwelken

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Reizwort-Geschichte: Gedanken-Spielereien

Gedanken-Spielereien

Es war wieder Zeit für die wöchentliche Reizwortgeschichte. Manche der Schreiberinnen hatten schon etliche Geschichten fertig. Einige warteten bis zuletzt, ob doch noch die Muse kam, um sie zu küssen. Es kam auch vor, daß die Geschichte beim Lesen der jeweiligen Reizwörter sofort da war, ohne Nachdenken, die Schreiberin mußte nur schnell genug beim Niederschreiben sein, damit sie nicht wieder im Äther verschwand.

Anita schrieb ein wundervolles, fantasiereiches Märchen, über eine Wichtelfamilie, deren größte Freude es war, gemeinsam zu singen.

Beate fiel zu den Wörtern eine Liebesgeschichte ein. Sie war so romantisch, daß sie zu Tränen rührte. Es war ein Hin und Her, es war nicht abzusehen, ob das Paar zusammenfinden würde. Und plötzlich kam der Abschied, sie mußte in den Zug steigen, es war wie im Film. Ob es ein Abschied für immer war?

Carola war die Lustige, bei ihr mußte es immer Rambazamba geben. So fiel auch ihre Geschichte aus. Darin wurde gelacht und geweint, gestritten und versöhnt, getanzt und gedacht – nein, langweilig war sie nicht.

Dora kam gerade aus dem Urlaub. Sie war gedanklich noch am Urlaubsort, ihr stand der Sinn nach Chillen, am Strand liegen, in die Weite schauen, sich in Gedanken verlieren – und nicht danach, eine Geschichte zu schreiben.

Eleonore war die Geschichte nur so aus den Fingern geflossen. Sie hatte die Reizwörter gelesen, und schon war die Geschichte fertig in ihrem Kopf. Hier und da nahm sie noch ein paar kleine Veränderungen vor, und schon war sie geschrieben. Oh je, in der Eile – und der Freude, eine tolle Erzählung geschrieben zu haben, hatte sie auf ein Wort vergessen. Gut, daß sie die Geschichte nochmals durchlas. Es fehlte ein Wort, sie hatte es einfach übersehen. Sie sah zur Garderobe, dort hing ihr pinker Schal, den sie so liebte, und der immer mitmußte, egal ob er paßte oder nicht. Er war sozusagen ihr Glücksbringer. Und auch jetzt, es hatte das Wort pink gefehlt. Sie baute es samt Schal noch in ihre Geschichte ein, und es paßte wunderbar.

Friederike hatte noch Zeit und wollte sich morgen an die Geschichte machen. Sie hatte schon eine Idee dafür, daher sollte ihr das Schreiben leicht von der Hand gehen. Viel lieber wollte sie noch ein wenig im Internet surfen, sie hatte einiges nachzuschauen, wollte etwas lernen. Jedoch – das Internet funktionierte nicht – das kannte sie aus dem Urlaub. Da hatte sie es nicht geschafft, ins Internet zu kommen. Das war nicht schlimm. Wichtiges konnte sie am Handy nachschauen.

Langweilig war ihr dadurch nicht. Es gab so viel zu entdecken, der Fluß war eisig kalt, die Steine wunderschön geformt, das Seminar bereichernd und erfüllend, die Burgruine wildromantisch, und eine Belohnung nach dem steilen Aufstieg,  Als sie von ganz oben so ins Land sah, begann sie vor Freude zu singen. Es war schön, hier oben zu sein, und alles unten war ganz klein.

Als sie wieder nach unten ging, lag ein kleiner Zettel vor ihr auf dem Weg. Er war pink. „Genieße jeden Augenblick“ stand darauf. Sie freute sich und nahm ihn mit.

Nachdem die Geschichte fertiggestellt war, probierte sie nochmal, ob das Internet funktionierte. Nein, wieder – oder noch immer – nicht. Irritierenderweise auch nicht am Handy.

In den nächsten Tagen ging es auch nicht.

Ob das der Abschied vom Internet war, ob sie wieder zur alten Kommunikation zurückkehrten?

Würden diese Reizwortgeschichten je gelesen werden?

© Eva Schnepf  – Lebinger 2015

 

Reizwörter: Abschied – Urlaub – singen – pink – langweilig

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Reizwort-Geschichte: Das Spielen vor Jahrzehnten

Das Spielen vor Jahrzehnten

 

Der Besuch des Museums, in dem  eine Ausstellung alter Spielzeuge integriert war, war eine gute Idee. Es gab so vieles zu entdecken.

Voll Freude betrachtete sie die vielen Ausstellungsstücke. Jedes nahm sie ganz genau in Augenschein. Jedes Objekt war betrachtenswert, es gab so viel Schönes zu sehen. Jedes Stück war ein Kunstwerk für sich. Die zierliche und feine Ausführung vieler Spielzeuge ließ erahnen, wie wichtig es war, die Kinder zu vorsichtigem Gebrauch anzuhalten.
Von einem Moment zum anderen war die alte Dame wie gebannt, sie konnte ihren Blick nicht losreißen. Die Ballerina, die sich selbstvergessen auf dem Sockel drehte und anmutig tanzte. Ihr Röckchen schien sich im Takt der Melodie mitzuschwingen. Es war allerliebst anzusehen und  die Musik war eine Wohltat für ihre Ohren. Sie liebte Schwanensee von Tschaikowsky. Dabei  gingen ihre Gedanken weit zurück in die Vergangenheit, in der sie eine solche Spieluhr besessen hatte. Die Tänzerin war sehr ähnlich und erinnerte sie sehr an ihre. Bei ihrer Spieluhr war  Eine kleine Nachtmusik von Wolfgang Amadeus Mozart zu hören gewesen. Die Spieluhr ihrer Freundin hatte  Für Elise von Beethoven  gespielt. So hatten sie Abwechslung und konnten sich abwechselnd an den Melodien erfreuen.
Natürlich tanzten sie selbst auch dazu. Am allerliebsten verkleidet. Dazu öffneten sie den Kleiderschrank der Mutter, was streng verboten war, und bedienten sich an den dort hängenden Gewändern. Einmal kam die Mutter früher heim und überraschte sie. Sie war nicht sehr erfreut, ihre Kleider an den Mädchen zu sehen und ab diesem Zeitpunkt war die Türe  versperrt.
Das war lange her und vergangen und vorbei.
 
Als sie endlich den Blick von der Spieluhr losreißen konnte, sah sie eine Gehpuppe. Ihre Tochter hatte in ganz jungen Jahren eine solche geschenkt bekommen, durfte jedoch kaum mit ihr spielen. Ein besonderer Mechanismus sorgte dafür, daß die Puppe „gehen“ konnte. Wenn man sie an den Schultern hielt und in einer bestimmten Weise bewegte, dann setzte sie ein Bein vor das andere.

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Lange Zeit hatte die Puppe einen Ehrenplatz im Elternschlafzimmer. Hätte sie nicht ins Zimmer der jungen Dame gehört?
Das Mädchen hätte die Puppe heimlich holen können und gehen lassen. Das wollte sie nicht. Sie war schon immer ehrlich und wollte nichts im Geheimen machen.
 
Noch vieles sah die alte Dame, viele Erinnerungen kamen und erfüllten sie.
 
© Eva Schnepf  – Lebinger 2015
 
Reizwörter: Spieluhr – Puppe – verboten – tanzen – heimlich

 

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Reizwort-Geschichte: Der Besuch bei der Oma

 

Der Besuch bei der Oma

Die 12 jährigen Zwillinge Timna und Till besuchten ihre Oma. Sie wunderten sich, daß Lebensmittel, die in den Kühlschrank gehörten, im Bücherregal standen. Als sie nachfragten, sagte die alte Frau, daß im Geschirrspüler kein Platz mehr dafür war.

Im Backrohr fanden sie einige Bücher.

Auch sonst war so einiges anders als bei ihrem letzten Besuch vor einigen Wochen.

Sie hatten alle Hunger, also gingen sie einkaufen.

 

Im Einkaufszentrum war ein alter Mann, der alle Lebensmittel in die Hand nahm, sie genau betrachtete und in ein Wagerl legte. Widerstrebend legte er manches ins Regal zurück. Dinge, die er nicht brauchte, Dinge, die ihm scheinbar gefielen – alles legte er in sein Einkaufswagerl.

Es kommt schleichend, kaum wahrnehmbar, erst im nachhinein klar ersichtlich.

Nach dem gemütlichen Essen spielten sie ein Kartenspiel, das sie immer gern gespielt hatten. Die Oma hatte Schwierigkeiten, die Karten zu halten.

Danach schauten sie alte Fotoalben an. Bei so manchen Fotos wußte die Oma genau, wer abgebildet war. „Das bin ich“ sagte sie beispielsweise.

Zu einem Foto ihrer Tochter sagte sie „Das ist mein Enkerl“

Beim Betrachten eines Fotos ihres Mannes, das ihn ganz jung zeigte, erinnerte sie sich „Den Oskar hab ich geheiratet, und den will ich wiederhaben!“ (Statt dem alten Mann, der bei ihr lebt).

Eine andere Szene: Sie schaut in den Spiegel, erschrickt, besieht eingehend das Gesicht, das ihr entgegensieht, und sagt dann: „Wer ist das? Sie macht mir Angst, sie soll weggehen!“

Besonders schlimm ist es, zu beobachten, wenn sie etwas aufschreiben will, und es nicht schafft. Winzige, zittrige Striche, die kaum Buchstaben gleichen, sind das Resultat.  Früher schrieb sie Gedichte für jeden Anlaß, sehr beliebt bei Feiern und zu Geburtstagen und Jubiläen.

Und jetzt hat sie schon so vieles vergessen, auch wie man schreibt, dabei spielt natürlich die Feinmotorik auch eine Rolle.

Es gibt keine Chance der Besserung. Eventuell kurzfristig, aber langfristig wird es immer schlimmer, bis zum völligen Verlust des Gedächtnisses.

Es kommt immer darauf an, wie gut das Herz ist, wie lang es schlagen will. Außer es kommt eine andere Krankheit dazu.

Manchmal kommt blitzartig eine Erinnerung daher, sie erzählt eingehend von – lang vergangenen – Erlebnissen. Zum Beispiel vom Krieg, von der Angst und den Umständen damals.

Oder wie sie ihren Oskar kennnenlernte. Es war an einem Faschingsdienstag bei einem Ball. In einer Tanzpause standen sie am Gang und schauten aus dem Fenster und da machte es „klick“. Sie „gingen“ 7 Jahre miteinander, in dieser Zeit bauten sie gemeinsam ihr Haus, und dann heirateten sie. Über 60 Jahre waren sie zusammen.

 

© Eva Schnepf  – Lebinger 2015

 

Reizwörter:   Einkaufszentrum – Chance – schlagen – vergessen – blitzartig

 

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