Reizwort-Geschichte: Das Lexikon – Fortsetzung

 

 

Das Lexikon  –  Fortsetzung

Frühmorgens, noch im Dunkeln, erwachte Jessica durch den eindringlichen Ton des Weckers aus kurzem, unruhigem Schlaf.

Sie wollte ihr Projekt durchziehen. Kurze Morgentoilette, die den Namen gar nicht verdiente, schnell ihre paar Habseligkeiten in die Tasche, und nichts als raus. Gezahlt hatte sie schon beim Einchecken, das war hier so Brauch.

Draußen entschied sie sich, entgegen ihrem Plan, doch mit dem Taxi zu fahren, statt mit der Bahn. Es erschien ihr sicherer.

Glücklicherweise landete sie in einem der wenigen Taxis, wo sie in Ruhe gelassen wurde, wo sie nicht zugetextet wurde, nicht ausgefragt wurde. Der Fahrer war eher mürrisch, was sie sonst nicht schätzte, heute jedoch sehr.

Bis jetzt war alles gut verlaufen. Alles lief wie am Schnürchen. Fast entspannt lehnte sie sich zurück. In der nächsten Stadt wollte sie weitersehen.

Plötzlich ein unsanftes Bremsen, und der Wagen stand.

Oje, scheinbar hatte es weiter vorne einen Unfall gegeben, und sie standen jetzt im Stau. Dafür hatte sie echt keine Nerven, sie warf dem Fahrer einen schnell gezückten Geldschein hin, und sprang aus dem Wagen.

Guter Rat war  – wie immer – teuer.

Wohin sollte sie sich wenden?

Gehetzt blickte sie in alle Richtungen, völlig ungewiß, in welche sie wollte. Intuitiv wandte sie sich nach rechts und eilte dahin. Direkt vor ihr in einigen Metern Abstand versperrte eine Menschenansammlung den Weg. Glücklicherweise öffnete sich zwischen zwei Häusern ein kleines Gässchen, das sie beschritt. Tapfer schritt sie voran, sie kam zu einer Kreuzung, und linkerhand durch einen Torbogen in einen kleinen Hof. Hier war es völlig ruhig, so als ob sie plötzlich auf einem anderen Planeten gelandet wäre. So angenehm es hier war, es half nichts, sie mußte weiter. Sie hatte keine Ruhe, sie mußte immer weiter und weiter.

Also den Hof durchqueren und auf der anderen Seite weiterlaufen. Nicht schnell laufen, eher ein zügiges Gehen. Das Laufen wäre ja aufgefallen, und wer weiß … Es gab ja immer Leute, die gleich zum Telefon griffen, um sich wichtig zu machen und – wie sie meinten – auffallendes zu melden.

Diese Fluchtgedanken wurden immer schlimmer, in ihrem Kopf war nur noch „weiter, schneller, nur weg“. Allerdings – wohin, das wußte sie nicht.  So sehr sie sich auch den Kopf zerbrach, ihr fiel kein sicherer Ort ein, an dem sie sich verstecken konnte. Und wie sollte es später weitergehen. Sie hatte keine Erfahrung, sie hatte keine Ahnung, wie sie zu einer anderen Identität kommen sollte. Egal – ihr würde schon beizeiten etwas einfallen.

Scheinbar war irgendein Ereignis in der Stadt. An allen Ecken und Plätzen standen Menschenmengen, die gebieterisch den Platz verteidigten. Es war kaum ein Vorankommen und Vorbeikommen, da die Menschen alles verstopften.

Ihre Panik wurde immer größer, sie bekam kaum mehr Luft, sie war in einem bedauernswerten Zustand, sie war müde, und ihre Füße schmerzten.

Dennoch marschierte sie weiter und weiter.

Die Straße machte eine Kurve, und als sie diese passiert hatte, stand sie unmittelbar vor einer Horde von Uniformträgern. Sofort überschwappte sie die Panik vollkommen. Sie wollte sich umdrehen und wieder weglaufen. Jedoch, sie war am Ende. Sie sah sich schon gefangen, in Handschellen, gefesselt, abgeführt, in einer Zelle sitzend und wartend.

Einer der Polizisten drehte sich um, sah sie an, und –

konnte sie gerade noch auffangen, bevor sie auf dem harten Boden landete.

Als sie erwachte, lag sie in ihrem Bett. Sie kannte sich überhaupt nicht aus. Wie war sie hierhergekommen? Warum war sie nicht im Gefängnis?

Und warum lag ihr Mann, diese Schlafmütze, friedlich schlafend und leise schnarchend neben ihr?

 

© Eva Schnepf  – Lebinger 2015

 

Reizwörter:   Projekt – Schlafmütze – mürrisch – bedauernswert – stopfen 

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Reizwort-Geschichte: Das Lexikon

Das Lexikon

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Jessica saß in dem schmuddeligen, billigen Hotelzimmer neben dem Bahnhof. Wobei Hotelzimmer sehr hochgegriffen war. Selbst für eine Pension war es zu schlecht. Immerhin gab es ein Bett mit einer durchgelegenen Matratze, Bettzeug, das nicht sehr einladend wirkte, ein Kästchen, auf dem die wenigen Sachen lagen, die sie mitgenommen hatte, ein winziges Bad, ein Fenster und eine Tür, die zumindest ein Schloß hatte. Die Lampe flackerte, das war egal. Sie wollte nur einige Stunden ruhen, und dann weiter.

Sie studierte die Karte, prägte sich den Weg ein, der sie in Sicherheit bringen sollte. Frühmorgens wollte sie in die nächste Stadt weiterfahren und sich von dort in ein fremdes Land  begeben. Das würde ein völlig anderes Leben werden, als bisher, aber Veränderungen sollten doch gut sein.

Alles hatte so wunderbar begonnen, sie hatten sich an einem schönen Frühlingstag im Botanischen Garten kennengelernt. Von Beginn an waren sie sich sympathisch, und daraus wurde immer mehr, bis sie dann heirateten.

Einige Jahre war es der Himmel auf Erden, er trug sie auf Händen, sie las ihm die Wünsche von seinen Augen ab, sie waren glücklich.

Doch, wie es so ist im Leben, die Aufmerksamkeit wurde geringer, die Gespräche kürzer – und schleichend hatten sie sich kaum mehr etwas zu sagen.

Der Versuch, ihn zu berühren, wurde fast schon in Gedanken von ihm abgeblockt, so als ob er es spürte, daß sie ihm nahe kommen wollte.

Sie hatte noch den Einfall, ihr gemeinsames Leben zu zeichnen, und ihm diese Blätter gebunden zum Hochzeitstag zu schenken. Vielleicht würde sie das wieder näherbringen.

Ja, das war eine gute Idee, das würde sie machen, eine schöne Erinnerung für immer.

Papier und Stifte kaufte sie gleich am nächsten Tag und begann mit der ersten Zeichnung. Die Blumen im Botanischen Garten gelangen ihr sehr gut, an den Personen mußte sie noch ein wenig feilen.

So entstand ein Blatt nach dem anderen. Zufrieden betrachtete sie ihre Werke und freute sich schon sehr auf die Fertigstellung.

Als sie dann eines Tages die Wohnung betrat, sie wollte erst einige Stunden später heimkommen, jedoch war ein Seminar ausgefallen, traf sie fast der Schlag: Eindeutige Geräusche aus dem Schlafzimmer, und was sie dann sah, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Ihr Mann und ihre beste Freundin in eindeutiger Pose im Ehebett, laut und deutlich hörbar noch dazu.

Den nächstbesten Gegenstand, ein Lexikon, schnappen, und dem Mann auf den Kopf zu werfen, war eins. Es war ein Reflex gewesen – und plötzlich blutete er und lag ganz ruhig da.

Sie nahm ihre Tasche, ein paar Kleidungsstücke und rannte aus der Wohnung.

Ein vorüberfahrendes, freies Taxi konnte sie stoppen und schon war sie weg.

In eine ungewisse Zukunft, auf der Flucht.

© Eva Schnepf  – Lebinger 2015

 

Reizwörter:  Lexikon – Karte – zeichnen – berühren – wunderbar

 

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Reizwort-Geschichte: Das Wort-Feuerwerk

Das Wort-Feuerwerk

Feuerwerk - Kopie

„Ja, meine Worte finden mich!“ Ein gewählter Satz aus dem Schreibseminar, an dem sie kürzlich teilnahm, war noch immer präsent. Er konnte immer wiederholt werden, bis andere Worte zu ihr fanden. Diese Schreibübung machte sie sehr gerne, sie konnte dabei völlig abschalten. Wie von selbst kamen neue Ideen zu ihr. Sie saß da und schrieb und schrieb. Immer wieder blätterte sie um, weil schon wieder ein Blatt vollgeschrieben war. Bei handschriftlichen Übungen war ihre Schrift ausladend und groß. Wie ein Feuerwerk strahlten die Worte auf dem Papier.
Da fiel ihr Blick auf ihren neuen Mantel aus Bio-Baumwolle, auf dem ein Feuerwerk aus Glasperlen erstrahlte, das sie in liebevoller Handarbeit aufgestickt hatte. Kurz vor dem Seminar hatte sie ihn erstanden und in weiser Voraussicht trotz der sommerlichen Temperaturen mitgenommen. Am ersten Seminartag war es sehr warm im Seminarraum, sie fühlte sich im ärmellosen Kleid wohl. Am nächsten Tag war es deutlich kühler, unglaublich wie schnell das gehen konnte.
Die dicken Wände des alten Schlosses waren schalldicht. Eine große Gruppe von Theatermenschen war auch im Schloß, während der Arbeitszeiten hörte man sie nicht. Ihre Energie und Spielfreude war wohltuend und beflügelnd spürbar.
Irgendetwas in der Erinnerung ließ sie frösteln, es lief ihr kalt den Rücken hinunter. Ja, sie hatte einiges zu hören bekommen. Nicht umsonst ging es beim Seminar um die Biografie, manche hatten Schweres erlebt.
Es war in Worten spürbar, ohne ausgesprochen zu sein.
Beim Seminar war sie schon versucht, auf ein Thermometer zu schauen, um zu sehen, welche Temperatur herrschte. Jedoch, es war keines zu finden. Ihre Lieblingsdesserts waren hier das Apfelkompott und die Beeren-Kaltschale, sehr lecker. Kurzfristig hatte sie zwar großen Gusto auf Eis, aber das gab es nicht.
In der Pause merkte sie, daß ihr Handy schon ziemlich leer war. Ihr Ladegerät war nicht zu finden. Nachdem sie in ihrer Gruppe ihr Glück versucht hatte, fragte sie an den Nachbartischen, um um ein passendes Ladegerät zu bitten, aber die meisten hatten andere Anschlüsse. Erst am nächsten Tag fand sie jemanden, der das richtige Ladegerät besaß und ihr gerne borgte.
Das Vertrauen tat so gut, sie sollte das Ladegerät einfach danach in das – immer unverschlossene – Zimmer legen. Das war sehr ungewohnt, aber ganz auf ihrer Linie. Sie hätte viel lieber ein Leben ohne Schlösser, Schlüssel und Zäune geführt.
Nebenbei hatte sie ein Ladegerät kennengelernt, mit dem man sowohl in der Steckdose als auch am PC laden konnte. Jetzt fehlte nur noch ein Anschluß für’s Auto, dann war es perfekt – gerüstet für alle Gegebenheiten. Zuhause wollte sie sich gleich darum kümmern.
Am Morgen betrat sie ausgeruht und vorfreudig den Seminarraum. Verzaubert blieb sie stehen, und konnte gar nicht glauben, daß es derselbe war, in dem sie schon einige Tage verbracht hatte.
Er war so wunderschön dekoriert, vor allem der liebevoll gestaltete Lesethron zog ihre Blicke auf sich. Flankiert wurde er auf einer Seite von einer Leselampe, auf der anderen von einem tollen Holzhocker mit einem bunten Blumenstrauß.
Sie freute sich schon sehr, darauf Platz nehmen zu dürfen, und ihre Texte vorzutragen. Sehr freute sie sich auch auf die Texte der anderen Teilnehmer, einige kleine Kostproben hatte sie schon gehört, und so wußte sie, daß sie ein wahrer Ohrenschmaus erwartete.
Eine Teilnehmerin hatte wundervoll lockiges Haar. So gelockt ihr Haar war, so ausgeprägt war ihr Temperament. Es war eine Freude, ihr zu lauschen, und sich von ihr mitreißen zu lassen.
Viel zu schnell war die Lesung vorbei.
Noch eine Schreibübung, ein Tanz und ein gemeinsames Foto, dann war das mehrtägige Seminar vorüber.
Sie nahm bedachtsam Abschied von diesem schönen Ort, und überlegte in Gedanken, wiederzukommen.
© Eva Schnepf – Lebinger 2015

Reizwörter: Thermometer – Eis – bitten – verzaubert – lockig

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Reizwort-Geschichte: Die Gemüse-Lieferung

Die Gemüse-Lieferung

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Gerade war die Gemüse-Lieferung angekommen. Das frische Bio-Gemüse schaute herrlich aus, so richtig zum Reinbeißen. Besonders angenehm war der Gedanke, daß es von einer ihr gut bekannten Bio-Bäuerin kam. Da konnte sie sich darauf verlassen, daß es beste Qualität war, ohne giftige und schädliche Zusätze. Ungespritzt, mit Liebe hergestellt. Ja, sogar die Kartoffelkäfer wurden per Meditation gebeten, sich ein wenig zu bedienen, das Meiste aber den Menschen zu lassen. Und es funktionierte gut.

Der Geschmack war unwiderstehlich. Sobald die neue Lieferung kam, biß sie sofort mit Genuß hinein. Diesmal war es eine Karotte, die sie als erstes verzehrte.

Fast alle Gemüse-Sorten aß sie mittlerweile roh. Der Geschmack war roh viel feiner und besser spürbar. Zubereitete Gerichte schmeckten auch sehr gut, aber roh war es eine feinere Nuance. Wenn sie zum Beispiel an Fenchel oder Romanesco dachte, so gut schmeckten die roh.

Ah, aus diesen Genüssen würde sie wieder tolle, interessante Gerichte zaubern.

Hausfrauen verwendeten gern Rezepte, hörte sie immer wieder.

Sie selbst bereitete ihre Speisen meist zu, indem sie ihren Inspirationen folgte.

Seitdem sie die Lieferungen bekam, brauchte sie kaum mehr einzukaufen. Das war sehr schön für sie. Das Einkaufen in den überfüllten, von lauter Musik und störenden Werbe-Einschaltungen durchdrungenen Einkaufstempeln und Supermärkten ging ihr schon seit langem gewaltig auf die Nerven. Die meisten der dort erhältlichen Nahrungsmitteln waren eben das: Nahrungsmittel, meist bestrahlt, oder auf andere Art haltbar gemacht, oft schon zubereitet und mit Zusätzen, die nicht angeführt werden mußten. So griesgrämig die Menschen beim Eilen durch die Gänge schauten, konnte man meinen, sie wüßten, was sie da kauften. Ja, sie wußten es schon, verdrängten es aber scheinbar, sonst war es doch nicht möglich, daß sie dafür bezahlten? Bei der heutigen Informationsflut mußte doch jeder genau Bescheid wissen, wie die Nahrungsmittel, die sie zu sich nahmen,, erzeugt wurden? Alle Arten von Medien waren für die meisten Menschen sehr wichtig. Ein Tag ohne Nachrichten – in denen meist nur Negatives berichtet wurde – war für viele undenkbar. Was brachten ihnen diese Informationen? Damit wurde es doch nur gestärkt.

 So wußte man gar nicht, was man eigentlich zu sich nahm. Ihr sagten Lebensmittel viel mehr zu. Lebensmittel, die die Lebensgeister stärkten und dem Körper gut taten.

© Eva Schnepf  – Lebinger 2015

 

Reizwörter:  Gemüse – Hausfrauen – zaubern – kaufen – griesgrämig

 

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