Reizwort-Geschichte: Die Geburtstagsvorbereitungen

 

Die Geburtstagsvorbereitungen

In Riesenschritten nahte der Geburtstag der Oma.

Es war ein Runder – 80 Jahre wurde sie alt. Mit ihren flinken Augen blickte sie neugierig und fröhlich in die Welt. Sie freute sich schon auf das Fest mit ihren Lieben, Familie und Freunde. Dafür gab es viel vorzubereiten. Ihre Enkelin war ihr in manchem sehr ähnlich. Auch sie liebte Zusammenpassendes. Daher hatte Iris die Gestaltung und Dekoration übernommen. Dies war bei ihr in sehr guten Händen.  

Die Blumen für die Tischdekoration waren bestellt, bunte kleine Gestecke und einige Sträußchen zusätzlich für den Eingangsbereich, die Sanitärräume usw. Diese sollten die Augen aller erfreuen, besonders derer, die es wahrnehmen konnten.

Für alles war eine Linie vorgesehen, für die Einladungen, die Servietten, die Tischkarten, die Menuekarten – und zur Erinnerung gab es Lesezeichen zum Mitnehmen.

Die Kartoffeln – hier Erdäpfel genannt – waren nicht mehr frisch, daher perfekt geeignet für diesen Zweck. So war nicht schade, sie dafür zu verwenden.

Ein schönes Motiv war schnell gefunden.

Alles wurde bereitgelegt: die Einladungskarten und Kuverts in Omas Lieblingsfarbe türkis, die Tischkarten, die Menuekarten, die Lesezeichen, und die Servietten, die Farben und Pinsel.

Die verwendeten Aquarellfarben zeichneten sich dadurch aus, daß sie gleichzeitg transparent und farbkräftig waren. Das verlieh den Motiven einen besonderen Zauber.

Für die Stoffservietten wurden Stofffarben verwendet. Auch diese durften die Gäste als Geschenk mit nach Hause nehmen.

Die Tischdecke aus Stoff wurde auch bedruckt,  die Einteilung war genau zu beachten, um möglichst viel von den Motiven zu sehen.

Dann wurde das Motiv in die Schnittfläche des Erdäpfels geschnitzt.

Mit großer Freude tunkte Iris den Pinsel in die Farbe, bestrich das Motiv auf dem Erdäpfel damit und druckte es mit diesem Stempel auf den Untergrund.

Passend zu den bunten Blumengestecken war natürlich auch der Stempelabdruck bunt, das heißt, bei jedem Motiv wurden mehrere Farben verwendet. Das sah fröhlich und farbenfroh aus. Iris sah ihre Oma darin.

Die Liebe zum Selbstgemachten war sichtbar und würde alle, die ein Auge dafür hatten, erfreuen.

Es war viel Arbeit, andererseits war es ein wenig wie spielen für Iris, so gern machte sie es.  Der große Tisch war bald zu klein, um alles zum Trocknen aufzulegen.

Um das Trocknen zu beschleunigen, hatte sie die Fenster geöffnet. Plötzlich ging die Tür auf, ein Windstoß fuhr herein, und die bedruckten Papiere flogen durch die Luft. Entsetzt und mit angehaltenem Atem stand Iris da. Sie befürchtete, daß vieles nun verschmiert und unbrauchbar war. Glücklicherweise war das meiste schon trocken, und nur ein kleiner Teil war nicht mehr zu gebrauchen.

Obwohl – dieses Unscharfe hatte auch seinen Reiz, diese Stücke hob sich Iris für sich selbst auf.

Zufrieden und glücklich betrachtete sie die vielen Druckergebnisse, ihre Oma würde sich sehr freuen.

© Eva Schnepf  – Lebinger 2015

 

Reizwörter:  Kartoffel – Stoff – spielen – entsetzt – klein

 

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Reizwort-Geschichte: Die Frühlingsfreuden

 Die Frühlingsfreuden

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Der Frühling ist ins Land gezogen. Alles grünt und blüht. Hoch oben zieht ein warmes Lüftchen durch die Bäume, über die Blüten und Wiesen …   Manchmal hören sie Erwachsene zu Kindern sagen: „Paßt auf, steigt nicht auf die Käfer! Stellt euch vor, ein ganz großes Wesen, das viel größer als ihr ist, steigt auf euch drauf. Möchtet ihr das?“ Das ist aber selten, meistens hasten vor allem die Erwachsenen so dahin, daß sie den Boden, und alles, was sich drauf befindet, gar nicht wahrnehmen. Sie sind die Erdbewohner im wahrsten Sinne, die direkt auf der Erde, am  und im Boden wohnen, die Käfer. Krabbelnd erkunden sie ihren Lebensraum, auf der ständigen Suche nach Futter. Es gibt unzählige Arten von ihnen. Manche können sogar fliegen. Deren Lebensraum ist umfangreicher. Sie können die Welt von oben betrachten, und mit den Insekten Kunstflüge vollbringen. Die Familie spaziert durch die wunderbare Natur. Besonders genießen sie den Anblick der frischen Grünanlagen, ein wahrer Augenschmaus. Die Kinder freuen sich, endlich wieder durch die Wiese toben zu können. Wohlgesinnt betrachten die Eltern die Freude und den Übermut der Kinder. Sie erinnern sich zurück, wie sehr sie selbst diese Zeit genossen haben. Unbeschwert zu laufen und zu spielen. Ohne Einschränkung von Zeit und Raum. Sie konnten noch auf der Straße spielen, Ballspiele, Nachlaufen und vieles mehr. Es gab kaum Autos. Einige Personen auf Fahrrädern nähern sich. Ein Kind plagt sich furchtbar und kommt gar nicht weiter. Es hat schon einen roten Kopf. „Du mußt schalten!“ ruft die Mutter. Ja, tatsächlich, nun geht es besser.  Schon entschwindet die Gruppe aus dem Sichtfeld. Die Sonne bescheint wärmend die Szenerie. Bald wird ihre Kraft schwächer und es wird kühler. Die Menschen ziehen sich ihre Jacken an. Langsam denken sie ans Heimkehren in die warmen Wohnungen. Die Dämmerung bricht an, und bald ist es dunkel.  Lange wird es nicht mehr dauern, dann kommen die lauen Abende, an denen es wieder länger hell sein wird.  

© Eva Schnepf  – Lebinger 2015  

Reizwörter: Käfer – Grünanlagen – wohlgesinnt – schalten – freuen    

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Reizwort-Geschichte: Die Waldesruhe

Die Waldesruhe

Warum dachte sie bloß ans Amtsgericht?

Blödsinn, sie schob den Gedanken rasch beiseite, und setzte ihren Weg durch die Wiese und dann durch den Wald fort. Ah, das tat gut,nach den vielen Stunden in den stickigen Räumen mit den vielen Menschen, endlich wieder in der Natur zu sein. Tief sog sie die frische Luft ein, füllte ihre Lungen damit.

Sie wollte ihn doch nur besuchen, wieder einmal besuchen, sich vergewissern,  schauen – im wahrsten Sinn des Wortes – wie es ihm ging. Jedesmal sah sie ein wenig weniger von ihm, sie wollte so lang nachsehen, bis er verging. Darauf freute sie sich, wenn er endlich vergangen war. Sie hatte sich genau informiert, wenn die Bodenbedingungen paßten, konnte das schon bald der Fall sein.

Dann erst war sie endgültig frei. Frei von ihm, der sie so gequält hatte. Keine ruhige Minute hatte sie an seiner Seite. Ständig mußte sie auf der Hut sein, aufpassen wie „ein Haftlmacher“ – und dann half es doch nichts. Er war so viel stärker als sie. Mental und physisch.

Das änderte sich im Laufe der Zeit, sie besuchte Seminare für ihren Geist und stärkte auch ihren Körper.

Davon bekam er aber nichts mehr mit.

Einmal nur war er unvorsichtig, unachtsam – und sie nutzte blitzschnell die Gelegenheit – die so schnell nicht wiederkommen würde – und schlug zu. Er hatte sie unterschätzt , das war sein Verhängnis.

Dann war sie kurz ratlos. Aber nicht lange, dann wußte sie genau, was sie tun wollte.

Das verlangte ihr all ihre Kräfte ab. Aber sie schaffte es. Und ihr war erst leichter, als sie ihn endlich mit Erde bedeckt hatte.

Erleichtert war sie, beschwert war er.

Die folgenden Tage waren verregnet. Sorgfältig schaute sie, ob er tief genug lag, und der Regen die Erde nicht einfach wegwaschen konnte. Nein, keine Gefahr, die Erdklumpen lagen genau dort, wo sie hingehörten, stellte sie befriedigt fest. Gute Arbeit hatte sie geleistet. Immer wieder, bei jedem Besuch.

So vergingen die Jahre, die Jahrzehnte. Schon war nicht mehr viel von ihm da. Ja, die Knochen schon, aber die störten sie nicht.

Inzwischen war sie schon etwas langsamer geworden, bedächtiger, sie schaufelte nicht mehr so schnell. Es war nur mehr reine Gewohnheit.

Als sie wieder einmal hinkam, spürte sie Gefahr. Sie konnte es nicht zuordnen. Statt sich auf ihren Instinkt zu verlassen und einfach weiterzugehen – weit weg, begann sie wieder zu graben.

Und dann klickten die Handschellen.

Siedendheiß fiel ihr wieder das Amtsgericht ein.

© Eva Schnepf  – Lebinger 2015

 Reizwörter: Amtsgericht – Erdklumpen – unterschätzt – verregnet –  ratlos

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Reizwort-Geschichte: Die Zugfahrt

Die Zugfahrt

Das Reisen ist nicht ihre Passion. Viel lieber ist sie an einem Ort, und genießt ihn ausgiebig. Sie liebt es, Orte genau kennen zu lernen, sie immer wieder zu betrachten und zu beobachten. Auch die Menschen und Tiere, die den Ort besuchen, und sich eine Weile niederlassen, um in Ruhe zu verweilen, beobachtet sie gerne. Ihre Wahrnehmungen und Erkenntnisse schreibt sie dann in wohlgesetzten Worten nieder.

Trotzdem befindet sie sich jetzt im Zug, glücklicherweise alleine in einem Abteil. Sie hat sich ausgebreitet und die Dinge, mit denen sie sich wohlfühlt, um sich versammelt. Wohlgefühl breitet sich aus.

Sie schaut aus dem Fenster, sieht die Landschaft vorüberziehen und fällt in Gedanken. So schnell die Landschaft vor dem Fenster vorbeieilt, so schnell eilen ihre Gedanken. Weiter und weiter, bis ans Ziel ihrer Reise.

Seit einiger Zeit ist sie bei einer Schreibgruppe dabei. Sie ist fasziniert und voll Freude, wie sie sich gegenseitig inspirieren und bereichern. Ihre Texte und Geschichten ergeben sich fast wie von selbst.

Und nun ist sie auf dem Weg, um einige der Frauen zu treffen. Genauer gesagt, zum Schreiben zu treffen. Sie besuchen gemeinsam ein Schreibseminar. Sie weiß, daß sie daran unendlich wachsen wird. Es wird ihr sehr gut tun, in ihr Innerstes vorzudringen und die Ergebnisse dann zu Papier zu bringen.

Natürlich wird auch das persönliche Kennenlernen und der Austausch wundervoll sein. Sie werden stundenlang reden, spazieren, singen, tanzen – und schreiben.

Das will sie sofort niederschreiben.

Sie liebt ihre Handschrift, freut sich über jeden Buchstaben, den sie mit ihrem Lieblingsstift auf das Papier setzt.

Im Moment ist sie voll im Fluß, sie schreibt und schreibt und die Gedanken und Ideen purzeln nur so heraus

Fast ist sie am Schluß der Geschichte angekommen, da spürt sie etwas Störendes. Sie versucht, es zu verdrängen, aber es hilft nichts, sie muß aufschauen.

Da hört sie schon „Entschuldigen Sie bitte die Störung, ich sehe, daß Sie sich gerade im Schreibfluß befinden, aber ich muß Sie einfach fragen!“

Abweisend schaut sie den Störenfried an, und nimmt sich vor, ihn ganz schnell abzuschasseln.

„Ja, bitte?“ kommt es ziemlich unfreundlich aus ihrem Mund. Sie schaut kaum hin, dreht demonstrativ den Stift in ihrer Hand, und schaut immer wieder auf den Block vor ihr.

„Gnädige Frau, ich schreibe auch, und ich habe da eine Frage an Sie. Bitte seien Sie so freundlich, Sie mir zu beantworten.“

Schon etwas freundlicher sagt sie: „Gut, kleinen Moment noch, ich muß noch dringend einen Gedanken notieren, das ist sehr wichtig, sonst finde ich ihn nie wieder.“

Die Frage, die der Herr im Anschluß stellt, ist nur der Beginn eines angeregten Gespräches, das beide scheinbar sehr genießen.

Die stundenlange Zugfahrt verfliegt im Nu. Als sie ankommen, haben sie ihre Daten ausgetauscht, und wissen, daß sie in Kontakt bleiben.

Und sie weiß, daß sie den Frauen der Schreibgruppe viel erzählen wird.

 

© Eva Schnepf  – Lebinger 2015

Reizwörter: Handschrift – Moment – reisen – notieren – abweisend

 

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Reizwort-Geschichte: Die Langeweile

Reizwörter: Urteil – Enttäuschung – anmaßend – liebevoll – hinterfragen

Die Langeweile

Den ganzen Tag war ihm schon langweilig. Was heißt, den ganzen Tag, die ganze Woche schon, oder sein ganzes Leben …
Schon als Kind wußte er nichts mit sich anzufangen, die Eltern waren immer irgendwo und er war sich selbst überlassen.
Seine Schulkollegen wollten ihn nie mitspielen lassen. So lungerte er schon damals in irgendwelchen Ecken, vor sich hinstarrend, herum. Immer weniger interessierte ihn die anderen. Und als dann endlich jemand fragte, ob er mitmachen wolle, sagte er „nein“. Doch der andere ließ ihm keine Ruhe, und fragte immer nach, und bedrängte ihn letztendlich so lange, bis er endlich „ja“ sagte.
Also machte er mit.
Natürlich ging es schief, und er wurde erwischt. Die anderen waren über alle Berge, so war er allein schuld. Egal, was er sagte, wie er sich verteidigte, ihm wurde nicht geglaubt. Manchmal wurde er sogar ausgelacht und Worte wie „jaja, der große Unbekannte“ wurden ihm an den Kopf geworfen.
Seine Enttäuschung war groß. Oder eigentlich war es ihm egal. Wenigstens war endlich einmal was los gewesen. Er stand im Mittelpunkt, ganz was Neues für ihn.
Als ihn dann sein Pflichtanwalt das erste Mal aufsuchte, und sehr anmaßend auftrat, da wußte er, daß er von ihm nichts Gutes zu erwarten hatte.
So war es dann auch, er trat eher gegen statt für ihn ein. Es war kein Wunder, daß das Urteil dann dementsprechend ausfiel. Sehr ungerecht, aber er hatte keine Möglichkeit, es zu ändern. Niemand schien es zu hinterfragen. Und wie gesagt, er war nicht fähig, Einspruch zu erheben.
Einige Jahre verbrachte er dann im selben Raum, die einzige Abwechslung waren die paar Stunden, die er arbeitend in der Küche verbrachte.
Eines Tages erhielt er dann plötzlich einen Brief. Einen pastellfarbenen Brief mit einer energischen Frauenschrift darauf.
Neugierig öffnete er den Brief und las die schwungvollen Zeilen. Die Frau wollte ihn kennenlernen oder besser gesagt wiedersehen. Sie waren zusammen in die Volksschule gegangen, und irgendwie hatte sie von seinem Schicksal erfahren.
Die Briefe gingen hin und her, und dann war es so weit: sie wollte ihn besuchen. Er freute sich sehr und wartete aufgeregt auf den Besuchstag.
Als sie sich dann endlich gegenübersaßen, durch einen Tisch getrennt, signalisierte ihm ihr liebevoller Blick so vieles.
Nun hatte er endlich einen Grund, sich auf die Zeit danach zu freuen. Schon bald sollte sich das Tor für ihn öffnen, das Tor in ein neues Leben, das er nutzen würde.

© Eva Schnepf – Lebinger 2015

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