Reizwort-Geschichte: Neues Leben für Kleider

Reizwörter: Altkleider – Hund – bunt – grollen – elend

Neues Leben für Kleider

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Sie schlendert die Stände entlang und findet das eine oder andere passende Stück. Ganz genau betrachtet sie es von allen Seiten, und besonderes Augenmerk legt sie auf die Vorderseite. So manche würden die erbeuteten Kleidungsstücke als Altkleider bezeichnen. Für sie sind es wahre Schätze. Erstens werden sie, die von ihren Besitzern nicht mehr geschätzt wurden, einem neuen Leben zugeführt. Zweitens werden dadurch wertvolle Ressourcen geschont und wieder verwendet.
Natürlich wählt sie nur pflanzliche Naturstoffe. Sie und viele ihrer Freunde tragen nur Pfanzliches.
Andere Materialien wie Wolle, Leder, Seide vermeiden sie – sie verursachen kein Tierleid. Diese Stoffe sind bei den Tieren selbst besser aufgehoben.

Als spürte er es, kommt ein Hund schnüffelnd zu ihr und schaut vertrauensvoll zu ihr auf. Sie spricht leise auf ihn ein und freut sich.

Tiere nehmen so viel wahr, viel mehr, als Menschen ahnen.

Wie ist wohl einem geliebten Haustier zumute, wenn sein Besitzer ihn mit einer Hand streichelt, und mit der anderen genüßlich einen Teil eines seiner Artgenossen verzehrt? Artgenossen – in diesem Fall zwar kein Hund oder eine Katze, aber ein Säugetier. Säugetiere sind auch die Menschen. Wo ist der Unterschied?

Sie konzentriert sich wieder auf die bunten Kleider, die auf ihrem Arm hängen. Die angebotenen Sackerl hat sie freundlich, aber bestimmt zurückgewiesen. Dem Plastikwahn ein Ende setzen, das ist sehr wichtig, damit die Erde nicht bald elend zugrunde geht.

In Gedanken kreiert sie schon die Muster, die sie freudig aufsticken wird. Die Glasperlen, die sie dazu verwendet, warten fein geordnet daheim in der hölzernen Nähkassette.

Völlig neue Muster, sehr gerne Spiralen, gestaltet sie gedanklich. Bei gemusterten Stoffen läßt sie sich vom Muster inspirieren und führt es fort.

Ihre Ohren vernehmen Donnergrollen in der Ferne. Eilig strebt sie ihrem Heim zu. Sie will die feine Arbeit gleich in Angriff nehmen. Bald können die Kleidungsstücke wieder Freude und Stolz verbreiten.

© Eva Schnepf – Lebinger 2015

Weitere Geschichten mit diesen Reizwörtern bei Christine, Lore, Martina und Regina.

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Reizwort-Geschichte: Augen-Blicke

Feder – Birke – bunt – suchen – verstehen

Augen-Blicke

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Die Feder wirbelt im Wind. Es ist eine Freude, ihr zuzusehen. Sichtlich geborgen liegt sie in den Armen des Windes und läßt sich treiben. Die Augen folgen den Luftbewegungen – Augentraining. Interessant, wie die Luftströmung die Feder kreiselt. Kaum lösen können sich die Augen von diesem Zauberspiel, aber irgendwann ist die Feder aus dem Blickfeld verschwunden. Entschwebt. Noch ganz erfüllt von diesem Schauspiel wendet sich der Blick zur geliebten Birke. In ihrem Anblick kann man sich verlieren. Die langen feinen hängenden Äste mit den zarten grünen Blättern erfreuen immer wieder. Bald würden sie gelb werden und abfallen. Auch dann war der Baum ein Blickfang. Die weiße Rinde mit den dunklen Stellen ist wunderschön. Ja, der Herbst würde bald kommen. Und mit ihm sein Farbenspiel, das jedes Jahr wieder gefangen nimmt. Das Laub der Sträucher und Bäume verfärbt sich in den schönsten Farben: von grün zu gelb, orange, rot, braun – um sich dann von Ast und Zweig zu lösen und langsam auf die Erde zu schweben. Der Herbst ist bunt. Durch Laubwälder spazieren und die wechselnde Farbpracht zu betrachten, das ist wunderschön. Am besten den Hügel hinauf, und alles von oben zu erleben. Der Rundumblick von oben gibt ungeahnte Farbfreuden preis. Die Färbung der Natur – auch der Wiesen und Büsche – ist traumhaft. Der Blick richtet sich weit in die Ferne, die Augen suchen den Berg mit der Burg ganz oben. Schemenhaft ist sie sichtbar. Der nächste Ausflug wird zur Burg führen. Es ist zu verstehen, daß Burgen oben gebaut wurden, nicht nur wegen des weiten Ausblicks zu Verteidigungszwecken – auch zu Freude der Bewohner. Ob damals viel Zeit zum Betrachten der wunderschönen Umgebung war, ist die Frage. Auf jeden Fall war der weite Blick ins Land möglich und wurde hoffentlich oft genossen. Zurück ins Jetzt – von oben in die Ferne schauen, weit, weit über Felder, Wiesen, Wälder, Häuser, Flüsse bis zu den fernen Bergen – das ist wahre Freiheit.

© Eva Schnepf – Lebinger 2015

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Reizwort-Geschichte: Die Sehnsucht

Supermarkt – Sehnsucht – nähen – husten – keifen

Die Sehnsucht

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„Nur, wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide“ las sie gerade im Gedichtband. Ah, das waren Erinnerungen. Ihre Gedanken gingen zurück. Ganz zu Beginn, als sein Kind zu ihrem Kind spielen kam, sagte sie zu ihm: „Wenn Sie Sehnsucht haben, können Sie sich ja schon vor dem Abholen melden.“ Er antwortete: „Da müßte ich gleich mitfahren.“ Ja, sie hatten ständig Sehnsucht nacheinander. Sie lernte die Sehnsucht lieben. Dieses zarte Sehnen, das alle Sinne und alle Körperteile erfaßte – sehnende Sehnsucht. Beim Einkaufen im Supermarkt war die Sehnsucht da, wenn sie nur außer Sichtweite waren. Sobald sie kurze Zeit getrennt waren, liefen schon die Telefone und die Computer heiß. Eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen war nähen. Sie liebte es, aus mehreren nicht mehr getragenen Kleidungsstücken ein oder mehrere Neue zu kreieren. Es war immer wieder überraschend, welch schöne Stücke entstanden. Entweder Ton-in-Ton, oder bunt gemischt oder wie gewünscht und bestellt. Die Farbkompositionen erfreuten sie immer wieder. Seine Bewunderung für ihre Werke tat ihr so gut. Oft waren sie in der Natur unterwegs, die sie sehr liebten. Einmal erkälteten sie sich trotz ihrer Naturliebe und m ußten eine Zeitlang husten. Tee und Wärme halfen schnell. Sie waren dauernd in Kontakt. Reden, telefonieren und schreiben – Gedankenaustausch, Diskussion. Es war meist harmonisch und ruhig. Sie hatten sich so viel zu sagen, so viel zu erzählen, so viel zu fragen, so viel. Die Zeit war meist zu kurz, um umfangreich über ein Thema zu sprechen. Im Nachhinein wurden oft noch Gedanken darüber ausgetauscht. Ganz selten war eine kleine Disharmonie, eher spürbar, als hörbar. Sie konnte sich nicht vorstellen, in Zusammenhang mit ihm oder über ihn zu keifen. Ob es je dazu kam? Wir werden es nicht erfahren, da die Geschichte hier endet.

© Eva Schnepf – Lebinger 2015

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Reizwort-Geschichte: Der neugierige Frieden

Neugier – Frieden – besichtigen – begreifen – wertschätzend

Der neugierige Frieden

Neugier ist positiv! Die Neugier auf das Leben ist eines der wichtigsten Dinge, sie macht es so spannend.

Für sie war Neugier lange Zeit negativ besetzt. Sie war schon immer lebhaft und interessiert. Das ist für manche Neugier, und zwar im negativen Sinn.

Eine Nachbarin sagte immer: „Neugierige Leute sterben bald!“ Das konnte sie nie wirklich glauben. Was sollte das Eine mit dem Anderen zu tun haben? Ein Zweifel war doch da, die Autorität der Erwachsenen vermittelte ja damals, daß sie immer recht haben …

In dieser Aussage ist schon das nächste Tabu: Sterben. Tod.

Für Viele das Schlimmste.

Für sie war Tod nicht schlimm, sie hatte schon immer ein anderes Verhältnis dazu, eine andere Sichtweise, als viele Andere.

Die hoch betagte Großmutter, die ihr Lebtag gern und viel gelesen hatte, gerne genäht und gestrickt hatte, konnte nichts davon mehr machen. Augenprobleme, ständiger Schwindel und Kopfschmerzen, dadurch einige Stürze, dann ans Bett gefesselt. Sie wünschte sich jahrelang, zum Geburtstag und zu Silvester: „sterben zu dürfen“

Als sie dann endlich sterben durfte, rief sie im Augenblick des Todes „Mutter!“

Erwartete sie die Mutter drüben? Ein schöner Gedanke.

Mitunter ist der Tod Erlösung. Heimgehen – nach einem erfüllten Leben. Der Lebenskreislauf – Geburt und Tod.  Frieden finden. Ruhe in Frieden.

Glücklicherweise konnte sie sich von der Toten noch verabschieden, als diese im Sarg lag. Ihr friedliches Gesicht ist ihr noch in Erinnerung, nach Jahrzehnten.

Manche sagen „besichtigen“ dazu.

Sie sieht es nicht so, für sie ist es eine Hilfe, den Tod begreifen zu können.

Darum ist es besonders wichtig, mit Menschen wertschätzend umzugehen: Im Leben und im Tod.

Dazu fällt ihr ein: „Ein gutes Gewissen ist ein gutes Ruhekissen“

Das gilbt gewiß auch für das „letzte“ Ruhekissen.

Verzeihen und Vergeben – noch im Leben – ist gewiß ein Segen.

 

© Eva Schnepf – Lebinger  2015

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