Reizwort-Geschichte: Die Erinnerung

Reizwörter: Filmriss – Fest – faszinierend – frisch – feurig

Die Erinnerung

IMGP1780

Sie wusste nicht, wie sie in dieses Zimmer gekommen war…
… vor allem, weil sie es nie wieder betreten wollte.
Auch nicht nach dieser langen Zeit, die den schmerzhaften Ereignissen damals folgte.
War es ein Black-Out, eine Bewußtseinslücke, ein Filmriß?

Nein, es mußte die Erinnerung gewesen sein, die sie hierher gebracht hatte.
Diese unauslöschliche Erinnerung, die sie ihr ganzes weiteres Leben lang nicht loslassen, ja, sie verfolgen würde.

Dieses Zimmer, einfach, aber sehr geschmackvoll eingerichtet, hatte sich überhaupt nicht verändert. Das war ziemlich ungewöhnlich, ja, direkt unglaublich, es war nichts renoviert worden, nichts ausgetauscht worden.
Alles war wie damals.
Das wunderschöne Holzparkett schien kaum gealtert, es verlieh dem Raum eine warme Ausstrahlung.
Die Decke mit den kunstvollen Stuckarbeiten war schön wie ehedem.
Das Fenster,mit den blütenweißen, frischen, duftigen Vorhängen davor, das direkt in den verwilderten, verwunschenen Garten blicken ließ. Die dicken Seitenteile, die nie zugezogen wurden, um immer zu wissen, welche Tageszeit gerade war.
Davor der Tisch – sogar die mit einem zarten Blumenmuster bestickte Tischdecke war noch da – und die bequemen Sessel.
Der Spiegel, dieses schöne Stück, das sicher sehr, sehr alt und wertvoll war, ein wahres Kunstwerk. Daneben an der Wand die faszinierenden, zeitlosen Aquarelle, so transparent und doch farbkräftig, wunderschön anzusehen.
Den Großteil des Raumes nahm das Bett ein. Ein Himmelbett wie aus einem Film. Verführerisch, sofort in die weichen Kissen zu versinken.
Das ließ sie sich nicht nehmen, diesen Genuß.
Und da überfiel sie die Erinnerung mit voller Wucht.
Die Erinnerung an diese wunderbaren, feurigen Stunden zwischen der Zeit, jede wie ein Fest.
Erinnerung an unglaubliche Leidenschaft, Wolllust, aber auch Zärtlichkeit und Zartheit, Zuhausesein.
Die Gefühle überrollten sie .
Sie konnte kaum atmen. Kaum die Augen offen halten.
Sie überließ sich ihren Gedanken an längst vergangene, glückliche Zeiten.
Die Gedanken und die Erinnerung trugen sie weit weg, ins Traumland ….

© Eva Schnepf 2014

Weitere Geschichten mit diesen Reizwörtern bei Lore, Martina und Regina.

Viel Freude beim Lesen!

Reizwort-Geschichte: Der Stein

Reizwörter: Café – Schicksal – sensibel – beneidenswert – empfinden

Der Stein

IMG_20141008_204028

Sie kam ins Café, um ihre Malfreundin zu treffen. Diese war gute 20 Jahre älter als sie, doch das frühere gemeinsame Aquarellieren und ihre Art, die Welt zu sehen, verband sie schon lange.

Am Nebentisch saß zufällig eine Freundin, die sie schon länger nicht gesehen hatte. Sie hatten sich früher öfter getroffen, und sich intensiv ausgetauscht. Beide waren sehr sensibel und empfanden vieles intensiver als andere. „Zart besaitet“ ist ein guter Begriff dafür. So heißt auch das Buch, das für sie eine neue Welt öffnete. Plötzlich wußte sie, daß viele so empfinden. Davor war sie meist auf Unverständnis gestoßen, wenn zum Beispiel etwas zu laut für sie war.

Seitdem hat sie das Buch schon vielen empfohlen, jeder war sehr dankbar dafür und wurde dadurch bereichert..

Manchmal denkt sie, andere die nicht so tief empfinden und daher vielleicht ein einfacheres Leben haben, sind beneidenswert .

Es ist mitunter nicht leicht, vieles viel deutlicher und lauter wahrzunehmen als andere.

Manche Geräusche halten Zartbesaitete, auch Hochsensible genannt, kaum aus. Der Staubsauger gehört dazu und viele Maschinen, besonders Bohrmaschinen und ähnliches.

Eigentlich jedoch sind sie beneidenswert, denn durch das  tiefere Wahrnehmen und Erfahren werden sie sehr bereichert, in ihrer inneren und äußeren Welt.

 

Jede ihrer Freundinnen war anders, und mit jeder teilte sie etwas anders. Sei es die Freude zur Kunst, die Freude am Handarbeiten, die Freude an der Technik, die Freude an der Natur und vielem mehr. Sie freute sich immer wieder, wie verschieden und vielfältig sie alle waren.

 

Erst kürzlich bei einem Seminar sollten alle einen Stein aussuchen, der ihre spiegelte ihre Vielfalt.

Der graue, weiß gebänderte Stein aus dem Traunsee war dreieckig, und stand auf 2 Spitzen wie Füßchen. Er hatte Ecken und Kanten, und lag dennoch angenehm in der Hand. Von jeder Seite sah er anders aus.

Das Schicksal hatte ihn in ihr Leben gebracht.

So viele andere waren da, genau dieser mußte es sein.

 

© Eva Schnepf 2014

Weitere Geschichten mit diesen Reizwörtern bei Lore, Martina und Regina.
Viel Freude beim Lesen!

 

 

 

 

Reizwort-Geschichte: Der Ausflug

Reizwörter: Unfug – Turm – scherzen – vergraulen – kichern

Der Ausflug

HANDY GT 18190 273

Wie so oft machten sie einen Ausflug mit dem Rad. Zuerst fuhren sie durch die schöne, grüne Au. Wie immer war es ein wundervolles, freies Gefühl, sich hier in der Natur aufzuhalten. Sie genossen die Fahrt in vollen Zügen.

Nach geraumer Zeit kamen sie an die Donau, sie rasteten kurz am Strand und erfrischten die Füße im Wasser. Dann überquerten sie den Strom. Es war ein erhebendes Gefühl, hier oben über das schnell fließende Wasser dahinzufahren.

Auf der anderen Flußseite war ein kleiner Ort, durch den sie fuhren. Dann kamen sie wieder in Waldgebiet, hier fühlten sie sich wohler, auch die Lungen atmeten auf.

Es ging ziemlich bergauf, dann hatten sie ihr Ziel erreicht: Die alte Burg, hoch über der Donau. Sie umstreiften sie, leider war sie nicht zu betreten. Sicher wäre es ein beeindruckender Anblick, hier von oben über die Donau und das angrenzende Land.

Sie nahmen sich vor, sich zu erkundigen, ob eine Besichtigung möglich wäre.

Nachdem sie vor der Burg ihre mitgebrachte Jause verzehrt hatten, fuhren sie weiter in den Wald hinein. Hier waren sie noch nie. So weit hatten sie sich noch nie vorgewagt.

Das Gebüsch wurde undurchdringlich für die Räder. So gingen sie zu Fußt tiefer in die Wildnis. Sie scherzten, daß sie Macheten brauchten, um sich einen Weg zu bahnen.

Aufgeben wollten sie nicht. Irgendetwas zog sie an, sie wußten nicht was, aber es zog sie weiter.

Und plötzlich erhob sich ein Turm vor ihnen, er war nicht mehr der Jüngste, trotzdem bestiegen sie ihn. Oben angekommen, begeisterte sie der Ausblick, sie konnten sich kaum sattsehen. Als sie wieder unten waren, hüpften sie fröhlich und kichernd, und Unfug machend herum. Außer Atem legten sie sich ins Gras und ruhten sich aus. Sie erfreuten sich an der Stille und Einsamkeit dieses Ortes.

Ein Eichhörnchen hoppelte heran, sah sie, und lief weiter. „Wir wollen dich nicht vergraulen, komm wieder!“ Mit einigen Nüssen konnten sie es tatsächlich wieder herlocken.

Possierlich hielt es die Nuß zwischen seinen Pfoten und nagte mit den Zähnen daran. So ein niedliches Tierchen, eine Freude, es anzusehen. Sie teilten die restlichen Nüsse mit dem Eichkatzerl, wie wir es nennen, dann schlugen sie sich wieder durch den Busch.

Etwas müde erreichten sie die Räder und wußten, drüben in der Au wartete ihr Lieblingsplatzer auf sie, das sie bald genießen würden.

© Eva Schnepf 2014    Weitere Geschichten mit diesen Reizwörtern bei Lore, Martina und Regina.

Viel Freude beim Lesen! 

 

 

 

 

Reizwort-Geschichte: Der Spaziergang

Reizwörter: Farbe – Gewicht – fragen – logisch – kalt

Der Spaziergang
IMG_20140928_164310

„Ist doch logisch“, sagte er, als sie am kalten Herbsttag dick eingepackt wie im Winter, in der Au spazierten. „Ist doch logisch, eine Farbe kann doch kein Gewicht haben! Wie willst Du das wissenschaftlich nachweisen?“
Für sie war das überhaupt keine Frage, auch keine Frage der Nachweisbarkeit oder gar der Beweisbarkeit.
Farben hatten für sie Gewicht. Farben, die nicht zu ihren Lieblingsfarben zählten, auch dunkle Farben hatten ein höheres Gewicht, waren damit schwer.
Ihre Lieblingsfarben hatten natürlich je nach Nuance ein leichteres oder höheres Gewicht. Ganz helle Farben waren die leichtesten.
Noch dazu widersprach diese Klassifizierung der üblichen, daß schwer besser, bzw. mehr wert ist als leicht.
Wie sollte sie ihm, dem Techniker, der alles angreifen oder zumindest nachweisen wollte, das bloß erklären können. Es war faktisch unmöglich.
Zum Beispiel die Wirkungsweise der Homöopathie, Gleiches heilt Gleiches, konnte er sich eventuell vorstellen. Wenn die Globuli, die sie ihm gab, halfen, führte er es auf alles Mögliche zurück, überzeugt wie sie, war er nicht.
Festen Schrittes stapften sie dahin, ansonsten wäre ihnen sehr kalt gewesen. Für heute war es genug, genug frische Luft und Bewegung an der frischen Luft.
Sie hing ihren farbigen und gewichtigen Gedanken nach, für sie war es so logisch, wie sie es sah.
Die schönen Herbstfarben der Au waren berauschend. Sie waren eher schwer, die meisten halt, trotzdem harmonisch und schön.
Innerlich begann sie sich zu fragen, ob sie noch weiter Kraft für diese ewigen Diskussionen habe. Sie kosteten sehr viel Energie, die sie anderweitig gut brauchen konnte, und die ihr dort fehlten.
Sie diskutierte sehr gerne, hörte sich die Meinungen und Einsichten Anderer an, und dachte darüber nach. Es war oft sehr bereichernd und horizonterweiternd. Jeder sah die Welt anders, hatte sich seine eigene Welt geschaffen. Und konnte sie jederzeit ändern.
Wenn jemand sie aber von seiner Meinung überzeugen wollte, oder ihre eigene Meinung nicht wertschätzte, das mochte sie gar nicht.
Man kann nie wissen, wie ein Anderer die Welt erlebt und sie sieht. Die Indianer haben dafür den weisen Spruch „Urteile nie über jemanden, ohne 2 Monate in seinen Mokassins gegangen zu sein“.
Für mich ist es ein sehr wichtiger Spruch, er zeigt, daß etwas von außen oft völlig anders aussieht, als es ist. Wenn man mit dem Betreffenden ein intensives Gespräch führt, stellt sich die Lage anders dar.
Selbst Erlebtes ist die beste Erfahrung. Es ist gefühltes Wissen.
Mit dem Wissen, daß das wohl ihr letzter Spaziergang war, kehrte sie heim. Heute hatte sie keine Kraft mehr, um über ihre Beziehung zu reden.
Und für ihn paßte scheinbar eh alles.
Das hatte sie wiederholt erfahren, auch von Freundinnen gehört. Frauen und Männer sind verschieden, das ist gut.
Der heutige Meinungsaustausch war „der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte“.
Sie freute sich schon fast auf die Zeit ohne diese Diskurse.
Natürlich würde sie ihn trotzdem anfangs vermissen, ganz vergessen würde sie ihn nie.

© Eva Schnepf 2014

Weitere Geschichten mit diesen Reizwörtern bei Lore, Martina und Regina.
Viel Freude beim Lesen!